Neu 3. September 2026 · Hotel Deutscher Hof

Fachliche Einordnung des Trierer Windkraftprojekts

Das Projekt im
Expertencheck.

Der Energieexperte und Windparkentwickler Stephan Werthschulte ordnet das geplante Projekt aus fachlicher und wirtschaftlicher Sicht ein.

Sein Ausgangspunkt„Ich bin nicht gegen oder für Wind. Ich bin für gute Projekte.“

Ein Informationsaustausch mit offenem Ergebnis

Warum dieser Abend
wichtig war.

Zu diesem Informationsaustausch wurden alle Fraktionen des Trierer Stadtrates sowie der Stadtvorstand, die Bürgerinitiative und weitere Beteiligte aus dem Umfeld des geplanten Windparks eingeladen. Im Mittelpunkt standen die wirtschaftlichen, technischen und landschaftlichen Auswirkungen des Projekts.

Es ging nicht um die Frage für oder gegen Windkraft, sondern darum, unter welchen Voraussetzungen Windkraft an einem Standort verantwortbar ist.

Persönliche Nagelprobe

„Würden Sie Ihr Geld in diese Anlagen investieren?“

„Ich glaube nicht.“

Seine Einschätzung in neun Kernfragen

Was bleibt nach seiner Prüfung?

01

Wirtschaftlichkeit?

Erhebliche Zweifel.

02

Ertragsannahmen?

Für ihn ambitioniert.

03

Besonderer Nutzen für Trier?

Für ihn nicht erkennbar.

04

Bedeutung für Deutschland, Rheinland-Pfalz oder den Strompreis?

Kein Gamechanger.

05

Lokale industrielle Nutzung?

Keine.

06

Innovation?

Kein Innovationscharakter.

07

Regionale Wertschöpfung und Beteiligung?

Nicht so organisiert, wie Werthschulte selbst ein gutes Projekt strukturieren würde.

08

Alternativloser Standort?

Nein.

09

Akzeptanz?

Nein.

Zentrale Erkenntnis

„Wir müssen meiner Meinung nach auch Tabus haben. Es muss Grenzen geben.“

Für ihn besitzen Landschaft, Wald und Tourismus einen eigenständigen Wert. Werden diese Werte beeinträchtigt, entstehen Opportunitätskosten, die in einer Gesamtbewertung berücksichtigt werden müssen.

Nicht jeder technisch geeignete Standort ist deshalb automatisch auch ein guter Standort.

Die vollständige Zusammenfassung

Informationsabend zum geplanten Windenergiepark im Trierer Stadtwald

Die folgenden Abschnitte fassen den Vortrag und die anschließende Diskussion vollständig zusammen. Die Bewertungen geben die fachliche Einschätzung des Referenten zum konkreten Trierer Projekt wieder.

Wer ist Stephan Werthschulte?

Stephan Werthschulte ist Wirtschaftsingenieur und seit 1998 im Energiegeschäft tätig. Er war rund 20 Jahre in der internationalen Unternehmensberatung tätig, davon mehrere Jahre im Ausland. Heute beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Energieeffizienz, der CO2-Transformation von Industrie und der Energiewende von Städten und Kommunen. Windkraft kennt er aus eigener Projektpraxis; er entwickelt mehrere Windparks.

Wichtig war ihm von Beginn an: Er kam nicht nach Trier, um gegen die Energiewende zu sprechen. Im Gegenteil. Er hält sie für notwendig. Aber der Weg müsse intelligenter werden.

Die Energiewende beginnt für ihn nicht mit dem nächsten Windrad

Werthschulte denkt Energie als Gesamtsystem: Erzeugung, Netze, Speicher, Industrie, Wärme und Verbrauch müssen zusammenpassen. Deutschland baut Wind- und Solarleistung massiv aus, während Netze, Speicher und flexible Verbraucher nicht im gleichen Tempo mitwachsen. Anlagen werden deshalb zeitweise abgeregelt, obwohl Wind vorhanden ist. Gleichzeitig braucht das System weiterhin gesicherte Leistung, wenn Wind und Sonne nicht liefern.

Dabei verweist Werthschulte ausdrücklich auch auf die Abhängigkeit vom europäischen Stromverbund. Nach Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke sei in den folgenden 24 Monaten eine entsprechende Größenordnung an Kernkraftleistung aus Frankreich importiert worden.

„Ohne die Nachbarn geht es nicht.“

Und er setzt noch früher an - beim Verbrauch. Gerade in Industrie und Gewerbe sieht er erhebliche Effizienzpotenziale:

„Erstmal Energie sparen - das, was ich spare, muss ich nicht bauen.“

Gute Projekte. Und schlechte Projekte.

Werthschulte betrachtet Windkraft nicht ideologisch. Sein Ausgangspunkt:

„Ich bin nicht gegen oder für Wind. Ich bin für gute Projekte.“

Ein gutes Projekt muss für ihn drei Dinge zusammenbringen:

  • wirtschaftlich funktionieren,
  • einen nachvollziehbaren Nutzen haben und
  • Akzeptanz schaffen.

Genau mit diesem Maßstab blickt Werthschulte auf die sechs geplanten Anlagen im Trierer Stadtwald.

Mehr Windkraft allein ist für ihn noch keine Lösung

Seine Kritik richtet sich gegen ein Vorgehen, bei dem Ausbauziele erfüllt werden, ohne regionale Unterschiede und das Gesamtsystem ausreichend zu berücksichtigen. Windverhältnisse, Topografie, Netze, Industrie und Landschaft seien unterschiedlich.

„Regionale Lösungen, Speicher, hybride Systeme, Biogas - alles trägt dazu bei. Wir müssen es schlauer kombinieren.“

Deshalb reicht als Begründung für einen konkreten Standort nicht allein: Deutschland braucht erneuerbare Energie. Die nächste Frage lautet: Welche Anlage brauchen wir - und wo brauchen wir sie?

Muss deshalb ausgerechnet der Trierer Stadtwald genutzt werden?

Werthschulte verweist auf andere Windregionen, Industrieflächen, Repowering und Offshore-Potenziale. Für ihn darf auch in der Energiewende nicht jeder technisch mögliche Standort automatisch als sinnvoll gelten. An dieser Stelle benutzt er bewusst ein starkes Wort: Tabus.

„Wir müssen meiner Meinung nach auch Tabus haben. Es muss Grenzen geben.“

Landschaft, Wald und Tourismus besitzen für ihn einen Wert. Wer diese Werte beeinträchtigt, erzeugt Opportunitätskosten. Deshalb müsse man zwischen guten und schlechten Standorten unterscheiden dürfen.

Und dann schaut Werthschulte auf die Zahlen

Die für Trier diskutierten rund 20 GWh Stromerzeugung je Anlage und Jahr hält er für sehr ambitioniert. Er verweist auf eigene Erfahrungen mit vergleichbaren Anlagen und Standorten und sieht eher eine Größenordnung von etwa 17 bis 18 GWh. Bei sechs Anlagen wären das etwa 102 bis 108 GWh pro Jahr statt rund 120 GWh.

Hinzu kommen Finanzierung, Netzanschluss, Umspannwerk, Erschließung, Ausgleichsmaßnahmen und Pacht. Werthschulte beschreibt Windprojekte heute als deutlich schwieriger zu rechnen als noch vor wenigen Jahren. Seine Zweifel an den für Trier diskutierten Parametern sind entsprechend deutlich.

Unabhängig von der Wirtschaftlichkeit: Was hat Trier davon?

Werthschulte sucht nach dem besonderen Nutzen des Projektes: keine direkte Versorgung eines Trierer Industrieunternehmens, keine Direktleitung zu einem großen lokalen Verbraucher, kein Speicher und keine besondere Verbindung von Erzeugung und Verbrauch.

„Kein Innovationscharakter.“

Dann stellt er die Frage nach der Bedeutung des Projektes auf den verschiedenen Ebenen:

  • Ist das ein Gamechanger für Deutschland? Ist es nicht.
  • Ist das ein Gamechanger für Rheinland-Pfalz? Ist es nicht.
  • Ist das wichtig für Trier? Ist es nicht.
  • Ist das wichtig für den Strompreis? Ist es nicht.
„Für wen ist es dann wichtig?“

Wer trägt den Eingriff - und wo bleibt die Wertschöpfung?

An dieser Stelle spricht Werthschulte über Qualitas Energy. Nach seiner Darstellung handelt es sich nicht um ein regionales Bürgerenergieprojekt, sondern um einen international agierenden Investor im Markt für erneuerbare Energien. Qualitas habe seit 2006 rund 14 Milliarden Euro international investiert und gehe gezielt in „Low-Risk-Länder“ in Europa und Amerika.

Werthschulte berichtet, bei seiner Recherche unter den Kapitalgebern auch amerikanische Öl- und Gasunternehmen gefunden zu haben. Nach seiner Interpretation sichern solche Kapitalgeber ihr risikoreicheres Öl- und Gasgeschäft durch vergleichsweise sichere Investitionen in erneuerbare Energien ab.

Sein grundsätzlicher Punkt: Der Eingriff findet lokal statt, während Kapital und Rendite international organisiert sein können. Sein Gegenmodell setzt auf lokale Beteiligung und lokale Wertschöpfung: Kommunen, Bürger und Unternehmen beteiligen, Strom möglichst regional nutzen und wirtschaftlichen Nutzen in der Region halten.

Akzeptanz ist für Werthschulte Teil eines guten Projekts

Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Abend. Gleich zu Beginn sagt er:

„Energiewende ohne Akzeptanz wird nicht funktionieren.“

Akzeptanz entsteht für ihn durch Beteiligung, nachvollziehbare Zahlen, regionale Wertschöpfung und eine offene Diskussion über Vor- und Nachteile.

„Es gibt gute Projekte und schlechte. Nicht alles muss man machen.“

Die persönliche Nagelprobe

Werthschulte stellt den Teilnehmern die einfache Frage: Würden Sie Ihr eigenes Geld in diese Anlagen investieren?

„Ich glaube nicht.“

An anderer Stelle fasst er seine persönliche Bewertung des Trierer Projektes noch deutlicher zusammen:

„Ich würde es wahrscheinlich nicht machen.“

Ergebniszusammenfassung

Was bleibt nach seiner Prüfung?

01

Wirtschaftlichkeit? Erhebliche Zweifel.

02

Ertragsannahmen? Für ihn ambitioniert.

03

Besonderer Nutzen für Trier? Für ihn nicht erkennbar.

04

Bedeutung für Deutschland, Rheinland-Pfalz oder den Strompreis? Kein Gamechanger.

05

Lokale industrielle Nutzung? Keine.

06

Innovation? Kein Innovationscharakter.

07

Regionale Wertschöpfung und Beteiligung? Nicht so organisiert, wie Werthschulte selbst ein gutes Projekt strukturieren würde.

08

Alternativloser Standort? Nein.

09

Akzeptanz? Nein.

Und dann meldet sich Andrea Weber

Ganz am Ende des Abends ergreift Andrea Weber vom Hotel Deutscher Hof das Wort. Sie erinnert an die frühere Trierer Diskussion um die Beteiligung an einem Kohlekraftwerk. Sie war damals bei der entscheidenden Stadtratssitzung anwesend und beschreibt die heutige Situation als ein Déjà-vu.

Damals, so erinnert sie, habe ein Fachmann im Rat ausdrücklich und dezidiert vorgetragen, dass die Beteiligung an diesem Kraftwerk wirtschaftlich nicht sinnvoll sei. Trotzdem habe der Stadtrat die Beteiligung beschlossen. Rückblickend habe diese Entscheidung Trier viel Geld gekostet; noch teurer wäre es geworden, wenn das Kraftwerk tatsächlich fertig gebaut worden wäre.

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